Kerzlein in der Seele
Das Durchdringen der Welt. Das Denken. Das in Einzelteile Zerlegen und dann wie Atome nochmals zu spalten Versuchende der Menschenseele, sie ist es, die den Menschen davon abhält, ganz mit den Bäumen in Symbiose zu gehen, ganz mit Gott zu verschmelzen, den Vogelgeräuschen zu lauschen, ja ganz zu sich zu kommen, das Kerzlein in seiner Seele zu erhaschen, es dann ganz sanft mit den Händlein zu umgarnen, es zu schützen vor Wind und Sturm, vor Krach und Tramp, vor Maschinen und äusseren Eingriffen.
Das Kerzlein in der Menschenseele, es ist sanft, zerbrechlich, und jedes ist dem anderen nicht gleich. Jedes Kerzlein ist ein Unikat, es gibt es in dieser Form nur einmal, und genau deshalb, deshalb ist es die Aufgabe jedes Menschen, dieses Kerzlein, dieses Licht des Kerzleins in die Welt zu tragen. Sei es noch so zerbrechlich, noch so unregelmässig flackernd, sei der Docht noch so vom Leben gezeichnet, und die Kerze, sei sie ganz weiss, sei sie schmutzig, sei sie voller Schokoladenflecken, voller Erde, voller Kinderhände, die zuvor noch Randen assen – alles, alles ist dem lieben Gott lieb und schön genug! Er will doch nur das Blühen der Menschen sehen, das Schimmern des Kerzleins durch die Augen des Menschen. So soll es die Welt verzaubern!
Es gibt genug Menschen und Dinge, die einem die Welt entzaubern möchten. Aber nein, sie ist magisch. Es gibt Feen, es gibt Sterne, es gibt Delfine, die im azurblauen Meer schwimmen, es gibt das Leuchten der Kälblein, die ganz demütig und mit leuchtenden Augen am Schoppen trinken, es gibt Schmetterlinge, die von Blume zu Blume fliegen, in allen Farben, die auf Nasen von Kindern rasten, es gibt Marienkäfer, die auf den Armen der Kinder langsam emporsteigen, bis zur Nase, und dann dem Kinde ins Auge fallen, sodass es den Marienkäfer sieht, auf seiner Nase, und seine Augen beginnen zu funkeln, sie füllen sich gar mit etwas Wasser. Das Kind, es weint. Vor Freude. Vor Vergänglichkeit. Vor der Verzauberung des Lebens.